Gabriele Hennicke

freie Journalistin · Textbüro
· Öffentlichkeitsarbeit &PR

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Steinere Rätsel

Die einen halten das rätselhafte Steinmonument für keltische Altarsteine. Die offizielle Wissenschaft spricht von unvollendeten Mühlsteinen. Der promovierte Historiker Roland Weis (55) aus Neustadt hat eine andere Theorie: dieses und die anderen  rätselhaften steinernen Monumente in der Nähe des Schluchsees im Hochschwarzwald sind Steindenkmale aus vorchristlicher Zeit. Einige der geheimnisvollen Steinmonumente hat Roland Weis unserer Autorin gezeigt.

"Das soll ein mißlungener Mahlstein sein?"

Über eine breite Steinmauer irgendwo unterhalb einer kleinen Straße muss man klettern, sich dann durch Heidelbeersträucher  und ein kleines Wäldchen schlagen. Und die Augen offen halten. Plötzlich steht man – zwischen hohen knorrigen Fichten – vor einer auffälligen Gruppe großer, von Menschhand bearbeiteter  Steine. Ein fast mannshoher, gut ein Meter breiter ovaler Granit steht hinter einem auf dem Boden liegenden Stein aus dem eine kreisrunde Oberfläche von etwa einem Meter Durchmesser sorgsam herausgearbeitet wurde. „Dieser runde Stein soll ein unvollendeter, weil misslungener Mahlstein gewesen sein“, sagt Roland Weis, „was soll da misslungen sein? Die Rundung stimmt, es gibt keine Risse oder sonstige Mängel. Es gab also keinen Grund den Stein nicht fertig zu stellen, außer dem, dass es gar kein Mühlstein werden sollte.“  In seinem Buch„Magisch-mystisch-megalithisch“ erklärt Weis ausführlich, wie und wo mittelalterliche Mahlsteine im Südschwarzwald  hergestellt wurden und widerlegt die These vom nicht vollendeten Mahlstein. Er hält das Steinmonument für einen Sonnenstein, einen Altar- oder Opferstein. „Ähnliche Steine gibt es in der Schweiz und im österreichischen Montafon, sie gelten als Visiersteine zur Sternenbeobachtung“, sagt der Historiker. Auch die exponierte Lage auf der vordersten Bergnase mehrere hundert Meter über  der Schwarza-Schlucht spricht in Weis‘ Augen für diese These. Direkt hinter dem steinernen Rätsel steht eine etwa 30 Meter hohe Fichte, deren Stamm sich in vier Stämme aufgeteilt hat.

Spuren durchwandernder Völker?

Der Hochschwarzwald, die aus dem Südschwarzwald herausragende Insel um das knapp 1500 Meter hohe Feldbergmassiv, galt lange Zeit als undurchdringbar. Die  offizielle Geschichtsschreibung geht davon aus, dass er bis etwa 1000 nach Christus nicht besiedelt war. Erst die frühen christlichen Missionare sollen den Schwarzwald besiedelt und urbar gemacht haben. Allgemein anerkannt ist,  dass der Schwarzwald nicht immer mit dichten Tannenwäldern bewaldet war. Vor 5000 bis 8000 Jahren gab es Warmzeiten,  bei denen ein fast mediterranes Klima herrschte. In diesen Zeiten gab es Völkerwanderungen vom Schwarzen Meer bis nach Mitteleuropa. Roland Weis vermutet, dass Sippen und Stämme die Donau hinauffuhren und  einen Weg durch den  Schwarzwald hin zum Hochrhein fanden. Sie ließen sich womöglich entlang dieses Weges nieder, siedelten, zogen  wieder weiter. Die rätselhaften Steindenkmale könnten die Spuren sein, die  diese Völker zurückgelassen haben.

Auch die Mauer, die wir beim Betreten des Wäldchens überwunden haben, gibt viele Rätsel auf: Sie besteht  aus gesetzten, häufig tonnenschweren moosüberwachsenen Steinen, hat eine Höhe von einem halben bis  zwei Meter und ist bis zu zwei Meter breit. Diese Mauer windet sich über zwölf bis fünfzehn Kilometer  durchs Gelände oberhalb der Staumauer des Schluchsees und endet unten an der Schwarza, dem Fluss der an der Staumauer des Schluchsees beginnt. 

Sie markiert weder Wege noch Bachläufe oder Siedlungen. An vielen Stellen zerfallen oder zerstört, verläuft die Mauer abseits aller Wege, im scheinbar ziellosen Auf und Ab. Die Mauer könnte einen „heiligen Bereich“ abgegrenzt  haben, meint  Roland Weis, ihm fällt auf, dass man in der Nähe dieser Mauern auf eine Vielzahl mysteriöser Steinbauten stößt.  „Verfolgt man die Mauer durch Unterholz und Gestrüpp, landet man exakt bei jenem riesigen Monolithen auf der Wiese, der als Schalenstein die Fantasie so vieler Besucher beflügelt“, erklärt Roland Weis. Die offizielle Erklärung, die Mauer diene als Grenzmauer zwischen Weideland, Feldern  und Wald,  als Umfriedung der Grundstücke oder zur Abgrenzung von Gärten lässt Weis nicht gelten. Eine andere Erklärung spricht davon, es handele sich um Lesesteine, die aus dem Weg geschafft wurde, um steinfreie Wiesen zu schaffen. Eine Theorie, die schon beim bloßen Hinschauen auf unzählige Steine, meist eiszeitliche Findlinge auf den Wiesen, ad Absurdum geführt wird. „Die Mauersteine sind  eindeutig gesetzt. Warum sollten die Erbauer sich die Mühe gemacht haben, die tonnenschweren Steine so kunstvoll zu setzen, wenn sie nur die Wiese frei räumen wollten?“, fragt sich Roland Weis. Da müssen seiner Ansicht nach höhere, nämlich spirituelle  Ziele verfolgt worden sein.

Ein mächtiger Steinkreis

Als nächstes führt mich Roland Weis wieder in die Zivilisation, genauer gesagt ins Neubaugebiet von Blasiwald, einer Streusiedlung an der Südseite des Schluchsees. Hier befindet sich das wohl bekannteste Steinrätsel im Hochschwarzwald – die Steinkreise Eisenbreche. Dabei handelt es sich nicht um zwei komplette Kreise, sondern um zwei Bögen, die sich im Abstand von etwa drei Metern gegenüberliegen. Der bessere erhaltene Halbkreis wird von einer  fast 80 Meter langen Mauer gebildet, die auf einer kleinen Anhöhe steht. Große Steinblöcke, manche bis 1,80 Meter hoch sind akkurat zu einer Mauer aufgeschichtet. Direkt angrenzend stehen zwei Neubauten, die das Gesamtensemble der Steinkreise empfindlich stören. „Leider spürt man jetzt nicht mehr die mystische Stimmung, die früher bei den Steinkreisen für fast jeden spürbar war“, sagt Roland Weis und erinnert daran,  dass die Steinkreise im Wald standen. Vermutlich seien die Steinkreise steinzeitlich oder keltische Kultstätten gewesen, meint Weis. Diese Sichtweise teilt er mit Heimatforschern und Grenzwissenschaftlern, das  Landesdenkmalamt hingegen hält die Steinkreise für Zeugnisse der Urbarmachung des Geländes aus dem 14. Jahrhundert. Die Kreise sollen eine Viehweide eingegrenzt haben.  „Wenn man die Bögen zu einem Kreis weiterführt kommt man auf einen Durchmesser von 38 Metern, viel zu klein für eine Viehweide und der Aufwand viel zu hoch“, urteilt Weis und verweist zusätzlich darauf, dass das Vieh auf den Weiden über Jahrhunderte von Hirtenjungen beaufsichtigt wurde.

Eine Grabkammer für Könige?

Szenenwechsel. Etwa 500 Meter Luftlinie entfernt, auf der gegenüberliegenden Talseite führt Roland Weis  bei einem an der Straße aufgestellten hoch aufragenden  Steinkreuz steil hinab zu einem ganz anderen Rätsel. Riesige Felsen sind hier übereinander getürmt, jetzt ist Klettern angesagt. Plötzlich tut sich direkt vor uns eine  ziemlich schmale, etwa drei Meter tiefe und sechs Meter lange Kluft auf. Sie ist mit Moos bewachsen und sieht aus, als habe man sie akkurat aus dem Fels herausgeschnitten. Die Wände stehen senkrecht, an den Stirnseiten schließt jeweils ein eineinhalb Meter breiter Schlussstein die Kammer ab. Einige  Meter weiter unten finden wir eine zweite und eine dritte Kammer.  Vermutlich lag jeweils ein Deckstein auf den Kammern, weitere 30 Meter tiefer liegen zwei jeweils sechs Meter lange und zwei Meter breite Riesensteine. Das könnten die Decksteine sein, meint Roland Weis. „Dies alles ist auch mit viel Fantasie nicht plausibel zu erklären. Ich glaube, das sind Grabkammern hochrangiger Persönlichkeiten, deshalb nenne ich die Kammern Königskammern“, sagt Weis. Schade, dass Steine nicht sprechen und nicht wie organisches Material datiert werden können.

 

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