Gabriele Hennicke

freie Journalistin · Textbüro
· Öffentlichkeitsarbeit &PR

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Münstertäler Krippenbauer

Die Krippenbauersaison in Münstertal beginnt jedes Jahr in den Herbstferien. Dann machen sich Edgar Ortlieb, seine Tochter Petra und die Enkel Philipp und Miriam auf Moossuche. An einem strahlend schönen Spätherbstnachmittag gehen die vier in den Münstertäler Wald, wohin genau, das darf hier nicht geschrieben werden. „Die Moosplätze der Krippenbauer sind so geheim, wie die Pilzplätze der Pilzsucher“, sagt Petra Ortlieb (42) lachend. Mit dem Auto fahren die Ortliebs so weit, wie es geht. Jetzt heißt es steil den Berg hinauf kraxeln. Nach einigen Minuten sind sie an ihrem Moosplatz angekommen. Es ist ein lichter Buchenwald, durchsetzt mit großen Granitblöcken, die von Moos bewachsen sind. „Nicht jedes Moos eignet sich, der Flor darf nicht so lang sein, sonst fallen später die Krippenfiguren um, wenn man sie darauf stellt“, erklärt Edgar Ortlieb. Dann verteilen sich die Familienmitglieder mit blauen Ikea-Taschen und grünem Laubsack auf dem Hang. Mit geübten Händen greifen sie an den Rand des Steins und heben das Moos vorsichtig ab. „Schau mal, Mama, was ich für ein schönes Stück habe“, ruft die neunjährige Miriam. Moosplatte für Moosplatte wandert in ihre Tasche, nach etwa einer Stunde sind Taschen und Laubsack prall gefüllt und die Ortliebs klettern mit ihrem kostbaren Sammelgut zurück zum Auto.

Belchen überragt Krippenlandschaft

Zuhause legen sie das Moos in den Heizungskeller, damit es trocknen kann. Anschließend wandert es in eine Schachtel im Keller. Etwa acht Tage vor Weihnachten holt Edgar Ortlieb das Moos wieder hervor. Zuerst muss er  das Wohnzimmer umräumen, denn seine Schwarzwälder Krippenlandschaft nimmt fast die gesamte Breite des Wohnzimmers ein. Überragt von der Münstertäler Silhouette mit dem Belchen misst sie 3,60 Meter in der Länge und 1,20 Meter in der Breite. Ortlieb freut sich jedes Jahr darüber, dass er als Rentner genügend Zeit hat, die Krippe mit Muße aufzubauen. Allein für die Landschaft braucht er schon einen ganzen Tag. „Sie sieht jedes Jahr anders aus, ich überlege mir immer wieder eine neue Struktur“, sagt der 75-Jährige. Zuerst stellt er Holzböcke hin und legt eine große Schalplatte aus dem Baumarkt darauf. „Jetzt entscheide ich, wo der Stall hinkommt“, erklärt Ortlieb, „vom Stall aus entwickelt sich dann die Landschaft.“ Die Landschaft des Münstertals ist das Vorbild, die Natur liefert das Material dazu.

Dann geht das Gepuzzle los. Aus Wurzelhölzern, Holz- und Rindenstücken und Steinen formt der Krippenbauer die Landschaft und belegt die Flächen mit Moos. Einen Trick verrät Edgar Ortlieb: Damit das Moos frisch aussieht, sprüht er es vor dem Auflegen mit Wasser an.  Selbst ein paar Bonsai-Bäumchen werden integriert. Der Krippenbauer platziert geschickt einen Spiegel so in die Landschaft dass er das Bild einer Wasseroberfläche vermittelt. Er verbaut unsichtbare Kabel, die später die Beleuchtung des Stalles und einer Feuerstelle ermöglichen. Das gesamte Zubehör baut er selbst: Brücken, Brunnen, Feuerstellen, Holzmacherplatz, Geißenstall. 

Krippenbauen hat eine lange Tradition im Schwarzwald und  in Münstertal. Jeder Schwarzwaldhof hatte früher seine Hauskrippe. Edgar Ortlieb ist schon seit seinem zehnten Lebensjahr Krippenbauer. 1949 hat er von seiner Oma die ersten Krippenfiguren, eine Maria und einen Josef, geschenkt bekommen. Er kann sich noch genau an den Preis erinnern, zwei Mark kostete damals der Josef, 2,20 Mark die Maria. Ganz schön viel Geld sei das gewesen, kurz nach der Währungsreform, meint er. „Seither lässt mich das Krippenbauen nicht mehr los. Ich habe immer weiter gebaut, mir Krippenfiguren gewünscht oder geschenkt bekommen“. Ortliebs Krippenfiguren sind teilweise aus Holz, teilweise aus Marolin. Die handbemalten Krippenfiguren der Thüringer Traditionsmarke  aus gemahlenem Pappmaschee, Ton und Pflanzenleim  seien nach der Wende plötzlich wieder auf dem Markt gewesen. Die hölzernen Figuren sind größtenteils aus dem  Grödner Tal in Südtirol, dem Eldorado der Krippenfreunde. Sie seien dort um einiges preiswerter als in Deutschland. „Das geht bei etwa 65 Euro für einen Hirten los. Nach oben hin gibt es keine Grenzen“, sagt Edgar Ortlieb.

Ausstellung in der Trudptertkapelle

Die Gemeinschaft der Münstertäler Krippenbauer, die aus 30 bis 40 Menschen jeden Alters besteht, macht jedes Jahr einen Ausflug und schaut sich die Krippen anderer an. Eine Veranstaltung an der Familie Ortlieb gerne teilnimmt. Besonders empfehlen die Ortliebs den Besuch des bayerischen Nationalmuseums in München. Dort sei jedes Jahr von November bis  Januar eine sehr sehenswerte Krippenausstellung zu bestaunen.

Auch die Münstertäler Krippenbauer stellen seit 1994 alle  fünf Jahre eine sehr beachtliche Krippenausstellung auf die Beine. Mehr als  60 Krippen, von der Kinderkrippe über zahlreiche Hauskrippen bis hin zu fünf großen Kirchenkrippen sind dann in der Belchenhalle in Münstertal zu sehen, zuletzt im vergangenen Jahr. In den dazwischenliegenden Jahren, so auch 2014, zeigen die Krippenbauer vier oder fünf ganz unterschiedliche Krippen in der barocken Trudpert-Kapelle neben dem Kloster St. Trudpert. In diesem Jahr stellt der 13-jährige Philipp seine Krippe dort aus. Auch er hat das Krippenbauer-Gen, wie seine Mutter Petra und seine Schwester Miriam. „Ich bin mit dem Krippenbauen groß geworden. Das hat Weihnachten und auch rund ums Jahr dazu gehört“, berichtet Petra Ortlieb. Als sie mit Anfang Zwanzig zuhause auszog, hat sie dem Vater einige Krippenfiguren abgeschwatzt und   ihre erste eigene Krippe gebaut. Nach und nach kamen immer mehr Figuren dazu. Philipp hat schon  2008  bei der Krippenausstellung in der Belchenhalle seine eigene Krippe gezeigt. „Und wann darf ich endlich?“, fragt Miriam erwartungsvoll. In diesem Jahr baut sie die Krippe in ihrem Zimmer auf. Wenn sie die Figuren hinstellt, fängt sie mit dem Elefanten an, der die heiligen drei Könige aus dem Morgenland begleitet. „Das Jesuskind kommt erst an Heiligabend in die Krippe, schließlich ist es erst am 24. geboren“, sagt sie voller Eifer. Tag für Tag rückt sie die Könige und ihren Tross ein Stückchen weiter Richtung Stall.

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