Gabriele Hennicke

freie Journalistin · Textbüro
· Öffentlichkeitsarbeit &PR

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Glitzernde Spur

Die Loipen am Notschreipass  in fast 1200 Meter Höhe zwischen Dreisamtal und Wiesental werden in der Wintersaison von Zehntausenden von  Langläufern aus der Region und dem angrenzenden Ausland begangen. Ich war auf dem Pistenbully beim Loipenspuren dabei.

Ein Job mit Neidfaktor

Thomas Wollmann hat einen Job, um den ihn  viele beneiden. Zumindest bei schönem Wetter, so wie heute. Der Himmel ist strahlendblau. Es ist acht Uhr morgens. In der Kabine des Loipenspurgerätes  ist es warm, die Heizung funktioniert. Um halb acht Uhr ist Thomas Wollmann heute am Notschrei losgefahren. Davor hat er die Homepage der Notschrei-Loipe  aktualisiert und die heutigen Wetter- und Schneebedingungen festgehalten: 7.00 Uhr,  minus 2 Grad, sonnig, wolkenlos, windstill mit Alpensicht,  Schneehöhe 30 cm. Die Verhältnisse der drei Loipen, Stübenwasenspur, Schauinslandspur und Haldenspur bezeichnet er als ausreichend. Zwischen der Todtnauer-Hütte am Feldberg und dem Hörnle beim Wiedener Eck verläuft auch der 100 Kilometer lange Fernskiwanderweg  Schonach-Belchen auf den Notschreiloipen.

Jedes Wetter hat seinen besonderen Reiz

Langsam fährt Wollmann den Pistenbully entlang der Langlaufloipe hinauf zum Stübenwasen, der mit  knapp 1400 Metern der sechsthöchste Berg des Schwarzwaldes ist. Noch liegt die Loipe im Schatten. Die Sonne spitzt durch den Wald. Ein Stück weiter vorne   -  da wo die Sonne auf den Boden trifft – glitzert der Schnee. „Es ist  immer wieder herrlich, morgens oder auch abends alleine die Spur in den Schnee zu ziehen“, sagt Thomas Wollmann, „ich sehe den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, manchmal habe ich Alpensicht. An anderen Tagen kämpfe mich durch Nebel und Sturm. Jedes Wetter hat seinen ganz eigenen Reiz.“ Um die Schneedecke zu schonen, benutzt   Wollmannn  heute nur den kleinen Pistenbully und  spurt den unteren Teil der Loipe nicht, sondern  fährt den Höhenwanderweg entlang. Auch das Anlegen und Pflegen der Höhenwanderwege rund um Notschrei und Hofsgrund am Schauinsland gehört zu seinen Aufgaben. „Das sind heute Bedingungen wie im Frühjahr. Jede Durchfahrt frisst ein bisschen Schnee“, erklärt er. Im  Wald ist die Spur mit Tannennadeln bedeckt, immer wieder gibt es Stellen, an denen Steine und Wurzeln unter dem Schnee hervor lugen. Es wackelt ganz schön im Pistenbully, besonders da, wo wenig Schnee ist. Vorsichtig fährt Wollmann die Fräse und anschließend die Spurplatte herunter. Immer wieder dreht er sich um und schaut sich die frisch gespurte Loipe an. „Man muss vorsichtig und sehr aufmerksam sein, besonders bei solchen Schneeverhältnissen, damit man weder die Maschine noch den Boden beschädigt“, sagt der 50-jährige Hofsgrunder, „zum Glück kenne ich die Stellen, die kritisch sind.“  Das Kettenfahrzeug  fährt  auf der  bereits vorhandenen Spur. Schnee wegschieben braucht es nicht, schließlich ist schon länger keiner gefallen. Die Fräse lockert den verdichteten Schnee und spurt anschließend die Skatingspur mit dem beliebten Cordmuster und legt die neue Spur für die klassischen Langläufer. Alle Notschrei-Loipen sind für den klassischen Stil  und für Skating gespurt.

Frühmorgens kennt man sich

Kurz vor der Stübenwasenhütte begegnen wir dem ersten Skifahrer.  Es ist Marco Geiger aus Münstertal. Man kennt sich hier oben, viele kommen jeden Tag. Geiger trainiert regelmäßig  auf den Notschrei-Loipen.  Er hat 2013  den Rucksacklauf von Schonach zum Belchen gewonnen, erzählt Thomas Wollmann voller Hochachtung. Wenn es die Schneelage zulässt, findet der 100 Kilometer lange Wettbewerb der Langlauf-Cracks  jedes Jahr Anfang Februar statt, in diesem Jahr am 7. Februar. 2014 musste der Lauf wegen Schneemangels abgesagt werden, 2012 hingegen wegen Schneesturms am Feldberg schon nach 60 Kilometern in Hinterzarten abgebrochen werden. 

Der Loipenspurer stoppt die Maschine. Wir steigen aus und halten  ein kurzes Schwätzchen. Geiger hat für die 100 Kilometer lange Strecke, die normale Skiwanderer in drei oder  vier Tagesetappen aufteilen, sieben Stunden und elf Minuten gebraucht. Fünf bis sechs Mal pro Woche trainiert der 32-jährige Betriebswirt am Notschrei, entweder auf der Loipe oder in der Biathlon-Anlage, die seit diesem Jahr Nordic Arena heißt. „Ich kenne jede Kurve, fast jeden Zentimeter der Loipe“, sagt er, „wenn ich beim Rucksacklauf  hier oben angelangt bin, dann ist das wie Heimkommen.“ Marco Geiger fährt viele  andere Rennen jede Saison, jedoch: „der Rucksacklauf, das ist der Höhepunkt“, stellt er klar.

Ständige Wetterbeobschtung

Vier bis sechs Stunden ist Thomas Wollmann, Zimmermann von Beruf und Skilehrer, unterwegs, wenn er alle drei Loipen spuren muss. Dabei legt er eine Strecke von 40 Kilometern zurück. Wenn es frisch geschneit hat, braucht er schon mal länger.  Dann fängt er bereits um fünf oder sechs Uhr morgens an, auch an Feiertagen wie Heiligabend oder Silvester. „Mein Kollege Karl-Robert Flamm und ich beobachten das Wetter und die Wettervorhersagen ständig, damit wir reagieren können“, sagt  er. Sie spuren auch gegen Abend, manchmal wird es Mitternacht,  bis sie fertig sind. Die Loipe soll sich über Nacht setzen können. Doch oft sind selbst nachts noch Langläufer auf der Spur unterwegs, mit Stirnlampe. Die sehen Wollmann und der Betriebsleiter der Notschrei-Loipe Hans-Peter Riesterer, im Hauptberuf Förster, nicht so gerne, weil sie das Wild aufschrecken. „Oft ist das eine Gratwanderung zwischen den Bedürfnissen der Natur und des Naturschutzes und denen der Nutzer“, meint Wollmann, „ seit 2000 hat der Besucherandrang auf den Notschreiloipen stark zugenommen, weil wir hier relativ schneesicher liegen“. Manchmal spricht er die Nachtläufer auf die Bedürfnisse der Tiere im Winter an, viele seien durchaus einsichtig, meint er.

Herrliche Alpensicht am Stübenwasen

Nach dem Berggasthaus verlässt die Spur den Wald und zieht steil hinauf  zum Stübenwasen. „Hier wird’s richtig alpin, manchmal gibt es  Sturm. Bei Nebel ist`s richtig gefährlich, da kann man sich leicht verirren. Ich bin auch schon in einer Schneeverwehung stecken geblieben. Handynetz gibt es hier oben auch keines“,  sagt Thomas Wollmann.  Heute ist von Nebel und Sturm nichts zu sehen, stattdessen herrliche Alpensicht. Bei der Todtnauer Hütte am Feldberg beginnt der Rückweg zum Notschrei. Zwanzig Kilometer lang ist die Stübenwasen-Rundloipe. Unterwegs bestehen Anschlüsse nach Muggenbrunn und Todtnauberg, zum Feldberg und von dort nach Hinterzarten oder Schluchsee. Auf dem Rückweg  geht es häufig bergab. An steilen Abfahrten nimmt Wollmann die Spur raus, dann können weniger geübte Läufer besser bremsen. Gegen 10.30 Uhr sind wir zurück am Loipenzentrum am Notschreipass. Der Schreibtisch muss noch warten. Jetzt schnell die Ski aus dem Auto holen, anschnallen und los geht`s hinauf zum Stübenwasen. Alpen gucken.

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